1. Juni 2026
Brauche ich vor meinem ersten Marathon ein Belastungs-EKG?
Die Anmeldung ist raus, der Trainingsplan steht, die Schuhe sind eingelaufen. Und irgendwo zwischen dem ersten wirklich langen Lauf und der wachsenden Vorfreude taucht sie auf — diese leise Frage im Hinterkopf: Sollte ich mein Herz vorher eigentlich einmal checken lassen? Reicht ein normales EKG, oder brauche ich so ein Belastungs-EKG? Und wie gefährlich ist das Ganze überhaupt?
Brauche ich vor meinem ersten Marathon ein Belastungs-EKG?
Wenn dich diese Frage umtreibt, bist du in guter Gesellschaft. Sie gehört zu den häufigsten, die mir gestellt werden. Die gute Nachricht vorweg: Die Wissenschaft hat darauf erstaunlich klare Antworten — sie sind nur differenzierter, als ein schlichtes Ja oder Nein.
Erst einmal: Ruhe-EKG ist nicht gleich Belastungs-EKG
Bevor wir zur eigentlichen Frage kommen, lohnt sich eine Begriffsklärung, denn hier entstehen die meisten Missverständnisse.
Das Ruhe-EKG nimmt die elektrische Aktivität deines Herzens im Liegen auf, in etwa zehn Sekunden. Es ist hervorragend darin, bestimmte angeborene oder strukturelle Herzerkrankungen aufzuspüren — etwa eine hypertrophe Kardiomyopathie oder seltene elektrische Störungen wie das Long-QT-Syndrom. Genau das sind die Erkrankungen, die bei jungen Sportlern hinter den seltenen tragischen Fällen stehen.
Das Belastungs-EKG (medizinisch: Ergometrie) ist etwas anderes. Hier wird das EKG aufgezeichnet, während du auf einem Fahrrad oder Laufband unter ansteigender Belastung an deine Grenze gehst. Es zielt vor allem auf eine Frage: Bekommt dein Herzmuskel unter Anstrengung genug Sauerstoff, oder gibt es Hinweise auf verengte Herzkranzgefäße — also eine koronare Herzkrankheit? Außerdem zeigt es, wie sich Blutdruck und Herzrhythmus unter Last verhalten.
Kurz gesagt: Das Ruhe-EKG sucht nach den Ursachen, die vor allem jüngere Herzen betreffen. Das Belastungs-EKG sucht nach der Verengung der Herzkranzgefäße, die vor allem ältere Herzen betrifft. Das wird gleich wichtig.
Die Kurze Antwort
Für einen gesunden, beschwerdefreien Menschen ohne besondere Risikofaktoren, der seit Monaten strukturiert auf seinen ersten Marathon hintrainiert, empfiehlt keine der großen Leitlinien — weder die europäische noch die US-amerikanische noch die deutsche Sportmedizin — ein routinemäßiges Belastungs-EKG.Das klingt zunächst überraschend, ergibt aber Sinn, sobald man die Zahlen und die Logik dahinter kennt.
Wie häufig sind tödliche Ereignisse wirklich?
Die Vorstellung vom Läufer, der auf der Strecke zusammenbricht, ist deshalb so präsent, weil sie selten ist und genau deshalb durch jede Schlagzeile geht. Die belastbarsten Daten stammen aus den USA, aus dem sogenannten RACER-Register, das Herzstillstände bei Marathon- und Halbmarathonläufen über viele Jahre erfasst hat.
In der ersten Auswertung (2012) kam es bei rund 10,9 Millionen Läuferinnen und Läufern zu 59 Herzstillständen — das entspricht etwa einem Ereignis auf 100.000 Marathonteilnehmer, bei Halbmarathons deutlich seltener. Männer waren häufiger betroffen als Frauen. Eine aktualisierte Auswertung von 2025 bestätigte die niedrige Häufigkeit und brachte eine ermutigende Entwicklung: Die Wahrscheinlichkeit, einen solchen Zwischenfall zu überleben, hat sich gegenüber der ersten Studie etwa verdoppelt — vor allem, weil heute mehr Defibrillatoren entlang der Strecke verfügbar sind und mehr Menschen Wiederbelebung beherrschen.
Zur Einordnung: Das Risiko, auf dem Weg zum Start im Straßenverkehr zu verunglücken, ist für die meisten Menschen relevanter als das Risiko eines Herzstillstands während des Laufs.
Warum das Alter alles verändert
Der entscheidende Faktor ist nicht die Distanz, sondern das Alter — weil es bestimmt, welche Ursachen überhaupt in Frage kommen.
Bei Sportlern unter etwa 35 Jahren stehen hinter den seltenen Ereignissen fast immer angeborene oder genetisch bedingte Herzerkrankungen: Kardiomyopathien, angeborene Fehlanlagen der Herzkranzgefäße, elektrische Störungen. Diese Dinge findet man, wenn überhaupt, mit Anamnese, körperlicher Untersuchung und einem Ruhe-EKG — nicht mit einem Belastungs-EKG.
Ab etwa 35 Jahren kippt das Bild. Jetzt wird die klassische koronare Herzkrankheit, also die Verengung der Herzkranzgefäße durch Arteriosklerose, zur mit Abstand häufigsten Ursache — in Untersuchungen an älteren Sportlern in über 80 Prozent der Fälle.
Und genau hier hat das Belastungs-EKG sein eigentliches Einsatzgebiet.Deshalb hängt die ganze Frage weniger an „Marathon ja oder nein" als an „Wer bist du, und wie sieht dein Risikoprofil aus?"
Europa gegen USA: zwei Schulen, ein Konsens
Bei der Frage, was vor dem Sport untersucht werden sollte, gibt es einen berühmten Unterschied zwischen den Kontinenten.
In Europa empfiehlt die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) für Wettkampfsportler ein Basis-Screening aus Anamnese, körperlicher Untersuchung und einem Ruhe-EKG. Italien praktiziert dieses Modell seit den 1980er-Jahren sogar gesetzlich verpflichtend.
In den USA setzen die American Heart Association und das American College of Cardiology auf einen strukturierten Fragebogen mit 14 Punkten zu Vorgeschichte und Untersuchung — ohne routinemäßiges EKG.
Die Begründung: zu wenige in der EKG-Auswertung bei Sportlern geschulte Ärzte, zu viele falsch-positive Befunde und kein eindeutiger Beweis, dass flächendeckendes EKG-Screening Leben rettet.
So unterschiedlich diese Wege sind — in einem Punkt sind sich beide Seiten einig: Ein routinemäßiges Belastungs-EKG gehört für junge, gesunde, beschwerdefreie Sportler in keines der beiden Modelle. Die US-amerikanische Präventionskommission (USPSTF) rät 2018 sogar ausdrücklich davon ab, beschwerdefreie Erwachsene mit niedrigem Risiko mit Ruhe- oder Belastungs-EKG zu screenen.
Der deutsche Mittelweg
Die Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP) bietet eine pragmatische Orientierung, die sich gut merken lässt. Basis ist auch hier Anamnese, körperliche Untersuchung und Ruhe-EKG.
Ein Belastungs-EKG wird darüber hinaus empfohlen für Männer ab etwa 45 und Frauen ab etwa 55 Jahren vor Trainingsbeginn — sowie für alle, die mindestens einen kardiovaskulären Risikofaktor mitbringen oder nach langer Pause intensiv wieder einsteigen.
Welche Faktoren die Rechnung verändern
Damit sind wir bei dem Teil, der wirklich zählt. Ob eine weitergehende Untersuchung sinnvoll ist, hängt von einigen wenigen, gut untersuchten Faktoren ab. Zu den wichtigsten, die in den Leitlinien immer wieder auftauchen, gehören:
- Alter (die genannten Schwellen von etwa 35 bzw. 45/55 Jahren)
- Bluthochdruck, Diabetes mellitus und Fettstoffwechselstörungen
- Rauchen
- eine Schilddrüsenüberfunktion
- eine familiäre Vorbelastung, insbesondere plötzliche Herztodesfälle
- oder bekannte Herzmuskelerkrankungen bei nahen Verwandten in jungem Alter
- ein über lange Zeit überwiegend bewegungsarmer Lebensstil vor dem Geplanten intensiven Einstieg
Je mehr dieser Punkte zutreffen, desto eher ist ein Gespräch mit einer sportmedizinisch oder kardiologisch erfahrenen Ärztin oder einem Arzt sinnvoll — und desto eher kann in diesem Gespräch auch ein Belastungs-EKG zur sinnvollen Maßnahme werden.
Die Symptome, bei denen Schluss mit Selbsteinschätzung ist
Es gibt eine kleine Gruppe von Warnzeichen, bei denen es keine Rolle spielt, wie jung, fit oder gut trainiert jemand ist. Treten sie auf, gehört das Training pausiert und ärztlich abgeklärt — vor dem nächsten intensiven Lauf, nicht danach:
- Ohnmacht oder Beinahe-Ohnmacht unter Belastung
- Druck, Enge oder Schmerz in der Brust beim Laufen
- Luftnot, die in keinem Verhältnis zur Anstrengung steht
- neu auftretendes, unregelmäßiges oder rasendes Herzklopfen
- ein plötzlicher, unerklärlicher Einbruch der Leistungsfähigkeit
Diese Zeichen sind keine Marathon-Frage mehr, sondern eine Herz-Frage.
Eine beruhigende Erkenntnis zum Schluss
Vielleicht das Wichtigste: Regelmäßiges, strukturiertes Training ist selbst der beste Schutz. Eine klassische Untersuchung zeigte, dass das ohnehin kleine Risiko, durch starke körperliche Anstrengung ein akutes Herzereignis auszulösen, bei regelmäßig Aktiven nur einen Bruchteil dessen beträgt, was es bei untrainierten Menschen ist, die sich plötzlich maximal verausgaben.
Anders gesagt: Der riskanteste Marathon ist der, für den man nicht trainiert hat. Wer monatelang sorgfältig aufbaut, tut bereits das Wirksamste für sein Herz.
Was bleibt unterm Strich?
Ein Belastungs-EKG ist kein Pflichtprogramm vor dem ersten Marathon — für die meisten gesunden, beschwerdefreien und gut vorbereiteten Läuferinnen und Läufer ist es schlicht nicht nötig und kann durch falsch-positive Befunde sogar zu unnötiger Verunsicherung führen.
Sinnvoll wird es dort, wo Alter, Risikofaktoren oder — am wichtigsten — Symptome ins Spiel kommen.Wenn du unsicher bist, wo du in diesem Bild stehst, ist der beste erste Schritt nicht das Belastungs-EKG, sondern das Gespräch: eine sportmedizinische Vorsorgeuntersuchung mit Anamnese, körperlicher
Untersuchung und Ruhe-EKG. Daraus ergibt sich, ob mehr nötig ist — individuell, statt nach Schema F.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen wissenschaftlichen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Ob in deinem konkreten Fall eine Untersuchung sinnvoll ist, kann nur eine Ärztin oder ein Arzt entscheiden, die oder der dich persönlich untersuchen kann.
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