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31. Mai 2026

Vorhofflimmern bei Ausdauerathleten

Es ist eine der großen Ironien der Sportmedizin. Ausdauertraining gehört zum Besten, was du deinem Herzen antun kannst – es senkt Blutdruck, Ruhepuls und das Risiko für fast jede Herz-Kreislauf-Erkrankung. Und ausgerechnet bei den ambitioniertesten, austrainiertesten Sportlern taucht eine bestimmte Herzrhythmusstörung häufiger auf als beim Durchschnitt auf der Couch: das Vorhofflimmern.

Wie passt das zusammen? Wie kann dasselbe Training, das das Herz schützt, es gleichzeitig aus dem Takt bringen? Genau dieser scheinbare Widerspruch ist eines der spannendsten Kapitel der Sportkardiologie – und er lässt sich auflösen, wenn man versteht, was im Vorhof eines Ausdauersportlers über die Jahre passiert.

Erst einmal: Was ist Vorhofflimmern überhaupt?

Dein Herz hat einen eingebauten Taktgeber, den Sinusknoten. Er sitzt im rechten Vorhof und gibt den Rhythmus vor: erst ziehen sich die beiden Vorhöfe zusammen und schieben Blut in die Herzkammern, dann pumpen die Kammern es in den Körper. Ein sauberer, geordneter Takt.

Bei Vorhofflimmern bricht dieser Takt in den Vorhöfen zusammen. Statt eines koordinierten Impulses entsteht ein elektrisches Chaos – unzählige kreisende Erregungen gleichzeitig. Die Vorhöfe „flimmern" nur noch, statt sich richtig zusammenzuziehen. Die Folge spürst du als unregelmäßigen, oft zu schnellen oder stolpernden Puls.

Typische Anzeichen sind Herzklopfen oder Herzrasen, Luftnot, ein plötzlicher Leistungsknick, Schwindel oder Druck auf der Brust. Tückisch dabei: Viele Episoden verlaufen völlig unbemerkt, gerade am Anfang. Vorhofflimmern ist die häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung überhaupt – in der Allgemeinbevölkerung ist etwa eine von hundert Personen betroffen, mit dem Alter steigt der Anteil deutlich. Allein in Deutschland leben nach Angaben der Deutschen Herzstiftung rund zwei Millionen Menschen damit.

Warum es ernst genommen wird:

In den flimmernden, nicht richtig pumpenden Vorhöfen kann Blut „stehen" und gerinnen. Löst sich so ein Gerinnsel, kann es einen Schlaganfall verursachen. Vorhofflimmern erhöht das Schlaganfallrisiko um etwa das Fünffache – und genau deshalb ist es weit mehr als nur ein harmloses Herzstolpern.


Die U-Kurve: Warum die Dosis entscheidet

Jetzt zum Kern. Die Beziehung zwischen Ausdauersport und Vorhofflimmern sieht nicht aus wie eine gerade Linie, sondern wie ein U (manche sagen J).

Stell es dir so vor: Wer von der Couch aufsteht und sich moderat bewegt, senkt sein Vorhofflimmer-Risiko – um grob 12 bis 20 Prozent gegenüber Inaktiven. Das ist die linke, abfallende Seite des U. Wer noch mehr trainiert, bleibt in diesem geschützten Bereich. Doch irgendwann, bei sehr hohen lebenslangen Trainingsumfängen, kippt der Effekt: Das Risiko steigt wieder an – auf der rechten Seite des U sogar über das Niveau der Inaktiven hinaus.

Der Sportkardiologe Jonas Zacher von der Deutschen Sporthochschule Köln bringt es auf eine eingängige Formel: Sport könne dreierlei zugleich sein – Risikofaktor, Schutzfaktor und Therapeutikum. Es kommt eben darauf an, wo auf der Kurve man sich befindet.

Wie viel ist „zu viel“?

Hier wird es interessant. Eine vielzitierte spanische Studie fand einen Wendepunkt bei rund 2.000 Stunden intensiven Ausdauertrainings, über das ganze Leben summiert. Unterhalb dieser Schwelle wirkte Training schützend, oberhalb stieg das Risiko deutlich an. Bei den Betroffenen lag die akkumulierte Trainingszeit im Schnitt bei fast 4.700 Stunden, bei den Vergleichspersonen unter 1.000. Andere Forscher setzen die Schwelle eher bei 1.500 Stunden an. Als grobe Orientierung im Alltag wird gelegentlich genannt, dass bei Männern ab etwa sechs Stunden intensivem Ausdauertraining pro Woche das Risiko zu steigen beginnt.

Wichtig ist die Einordnung dieser Zahlen: Es sind Näherungswerte aus Beobachtungsstudien, keine exakten Grenzlinien, die für jeden Menschen gelten. Und – das geht in der Aufregung um die „Gefahr" gern unter – unterm Strich überwiegt selbst bei hohen Trainingsumfängen der gesundheitliche Nutzen. Ausdauersportler leben insgesamt länger und haben seltener Herzinfarkte. Die U-Kurve betrifft ganz spezifisch das Vorhofflimmern, nicht die Gesamtgesundheit.

Wie häufig ist es wirklich?

Hier lohnt sich Ehrlichkeit, weil die Zahlen je nach Studie weit auseinandergehen. Eine solide Übersichtsarbeit über 13 Studien mit fast 7.000 Athleten kam auf ein etwa 2,5-fach erhöhtes Risiko gegenüber Vergleichsgruppen. Ältere Untersuchungen aus den späten 1990ern fanden sogar bis zu fünffach erhöhte Werte. Neuere Einschätzungen aus der deutschen Sportmedizin halten das frühe Bild teils für überzeichnet und sprechen eher von einer Erhöhung in der Größenordnung von 20 Prozent für langjährige Ausdauerathleten.

Was bedeuten das in absoluten Zahlen?

Die gepoolte Häufigkeit liegt bei Ausdauerathleten bei etwa vier Prozent – also unter eins zu zwanzig. Das relative Risiko ist erhöht, das absolute Risiko für den einzelnen ambitionierten Hobbysportler aber überschaubar. Beides stimmt gleichzeitig.

Und noch eine wichtige Grenze: Diese Studien zeigen einen Zusammenhang, keinen lupenreinen Beweis für Ursache und Wirkung. Kasper Andersen, Hauptautor einer großen Skilangläufer-Studie, betonte ausdrücklich, dass seine Daten eine Assoziation belegen – nicht, dass Sport die Rhythmusstörung direkt verursacht.

Was im Vorhof passiert: drei Zutaten für das Flimmern

Warum trifft es ausgerechnet die Vorhöfe? Mediziner beschreiben das Entstehen von Vorhofflimmern gern mit einem Modell aus drei Zutaten – man braucht einen Auslöser, einen empfänglichen Boden und einen Verstärker. Jahrelanger Ausdauersport kann an allen drei Stellen ansetzen.

Der Boden: ein größerer, umgebauter Vorhof. Bei jeder intensiven Ausdauerbelastung pumpt dein Herz enorme Blutmengen. Über Jahre bedeutet das eine ständige Volumenbelastung der Vorhöfe – und die reagieren, indem sie größer werden. Bei Marathonläufern wurde das linke Vorhofvolumen mit etwa 42 ml/m² gemessen, gegenüber rund 25 ml/m² bei Untrainierten. Stell dir einen Luftballon vor, der über Jahre immer wieder kräftig gedehnt wird: Er wird größer, und seine Wand verändert sich. Ein größerer, gedehnter Vorhof bietet schlicht mehr Platz für die kreisenden Erregungen des Flimmerns.

Dazu kommt oft eine Vernarbung des Gewebes, Fibrose genannt. In einer Untersuchung an Veteranen-Ausdauersportlern zeigten 6 von 12 solche Vernarbungen im MRT – bei jüngeren Athleten und Untrainierten fand sich keine. Je mehr Trainingsjahre und Marathons, desto wahrscheinlicher die Fibrose. Vernarbtes Gewebe leitet elektrische Signale ungleichmäßig und begünstigt so das Chaos.

Der Verstärker: das vegetative Nervensystem

Ausdauertraining stärkt den Vagusnerv – den „Ruhenerv". Das ist der Grund für den beneidenswert niedrigen Ruhepuls vieler Sportler. Doch ein stark dominierender Vagus verändert auch die elektrischen Eigenschaften der Vorhöfe so, dass Flimmern leichter zünden kann. Deshalb tritt das sportlertypische Vorhofflimmern oft gerade in Ruhe auf – nachts, im Schlaf oder in der Erholungsphase nach dem Training, nicht mitten in der Belastung.

Der Auslöser: Auf diesem vorbereiteten Boden genügt dann ein elektrischer Fehlimpuls – häufig aus der Region, wo die Lungenvenen in den linken Vorhof münden –, um das Flimmern zu starten. Hinzu kommen niedriggradige Entzündungsprozesse, die intensive Belastungen vorübergehend auslösen können.

Interessant: Im Tiermodell ließ sich diese Anfälligkeit nach einer Trainingspause teilweise wieder zurückbilden – ein Hinweis, dass der Zusammenhang tatsächlich ursächlich ist. Die Vernarbung blieb allerdings teils bestehen.

Wen es am ehesten betrifft

Aus all dem ergibt sich ein recht klares Profil. Am häufigsten betroffen sind männliche Sportler im mittleren Alter, eher großgewachsen, die über viele Jahre – Größenordnung mehr als ein Jahrzehnt – intensiven Ausdauersport betreiben. Die klassischen Disziplinen: Langstreckenlauf, Skilanglauf, Radsport, Rudern.

Bei Frauen ist die Datenlage widersprüchlich: Manche Studien an Elite-Ausdauerathletinnen zeigen ebenfalls ein erhöhtes Risiko, eine große schwedische Skilangläufer-Studie fand bei Frauen dagegen sogar ein niedrigeres Risiko. Hier ist die Wissenschaft schlicht noch nicht am Ziel.

Eine Entwarnung gibt es für den Kraftsport: Für reines Kraft- und Muskeltraining ist – anders als für Ausdauersport – kein erhöhtes Vorhofflimmer-Risiko nachgewiesen.

Was die Fachgesellschaften dazu sagen

Die großen kardiologischen Leitlinien haben das Thema klar auf dem Schirm – und ihre Botschaft ist differenziert, nicht alarmistisch.

Die europäischen Leitlinien zur Sportkardiologie (ESC 2020) fassen es so zusammen: Regelmäßige Bewegung ist der Eckpfeiler, um Vorhofflimmern in der Allgemeinbevölkerung vorzubeugen – lebenslanger Ausdauersport kann das Risiko allerdings bei manchen Männern mittleren und höheren Alters erhöhen. Sie weisen außerdem darauf hin, dass bei neu aufgetretenem Vorhofflimmern andere Ursachen abgeklärt gehören, etwa die Schilddrüsenfunktion, Alkohol oder bestimmte Substanzen.

Die aktuelle Vorhofflimmer-Leitlinie (ESC 2024) betont für die Allgemeinheit den schützenden Effekt von Bewegung und nennt als Orientierung das bekannte Aktivitätsziel von 150 bis 300 Minuten moderater oder 75 bis 150 Minuten intensiver Bewegung pro Woche. Sie hebt zugleich hervor, wie wichtig der Umgang mit Begleitfaktoren wie Bluthochdruck, Übergewicht, Schlafapnoe und Alkohol ist – und dass moderater, angepasster Sport sogar Teil der Behandlung sein kann, um Beschwerden und Rückfälle zu reduzieren.

2024 erschien zudem erstmals ein eigenes Expertenkonsens-Papier speziell zu Herzrhythmusstörungen bei Sportlern (HRS 2024). Sein Leitgedanke ist die gemeinsame Entscheidungsfindung: Nutzen und Risiken einer Fortsetzung des intensiven Sports werden individuell zwischen Sportler und Behandlungsteam abgewogen, statt pauschale Verbote auszusprechen.

Die Deutsche Herzstiftung wiederum betont den positiven Aspekt für Menschen, die bereits Vorhofflimmern haben: Moderate Ausdauerbewegung und Gewichtsabnahme können die Häufigkeit der Episoden erheblich senken – ein Effekt, der nach Aussage der dort zitierten Kardiologen mit Medikamenten kaum zu erreichen ist.

Was am Ende bleibt

Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, sobald man die Dosis betrachtet. Ausdauersport ist und bleibt für die allermeisten Menschen einer der stärksten Schutzfaktoren fürs Herz. Vorhofflimmern als mögliche Kehrseite betrifft vor allem ein spezifisches Profil – langjährige, sehr umfangreich trainierende, meist männliche Ausdauersportler – und selbst dort ist es eher die Ausnahme als die Regel.

Wer wissenschaftlich neugierig ist und ambitioniert trainiert, profitiert vermutlich am meisten davon, das eigene Herz zu verstehen, statt es zu fürchten: zu wissen, dass ein niedriger Ruhepuls und ein etwas größerer Vorhof normale Anpassungen sind, dass Herzstolpern in Ruhephasen zum Bild gehören kann – und dass es Anzeichen gibt, die eine fachliche Abklärung wert sind. Genau dieses Verständnis macht aus „mehr ist immer besser" das deutlich klügere „die Dosis macht's".

Gesundheitlicher Hinweis:

Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und Aufklärung. Er stellt keine medizinische Beratung dar, ersetzt nicht das Gespräch mit Ärztinnen und Ärzten und ist nicht dazu gedacht, eine Erkrankung zu diagnostizieren oder zu behandeln. Der Autor ist Ernährungsberater, Fitnesstrainer und Medizinstudent – kein approbierter Arzt. Wer Symptome wie Herzrasen, anhaltendes Herzstolpern, Luftnot, Schwindel oder einen ungewöhnlichen Leistungsabfall bei sich bemerkt oder Fragen zum eigenen Training und Herzen hat, sollte sich an entsprechend qualifizierte medizinische Fachpersonen wenden. Individuelle Entscheidungen über Training, Diagnostik oder Behandlung lassen sich nur in einer persönlichen ärztlichen Untersuchung treffen.

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